Triumph Rocket 3 - Fly me to the moon

Triumph Rocket 3 - Fly me to the moon
Triumph Rocket 3 - Fly me to the moon
16 Bilder
20.05.2020
| Lesezeit ca. 7 Min.
Kingdom Creation/Gareth Harford, David Wood
Flieg mich rauf zum Mond, lass mich unter Sternen spielen – na, mal ehrlich, hat man sofort im Ohr, die Melodie von „Fly me to the moon“, selbst wenn der Text auf Deutsch dasteht, oder? Bart Howard, der Komponist des Jazz-Klassikers, hat den Song 1954 erstmals veröffentlicht, damals noch mit dem Titel „In other words“. Zu Weltruhm brachte es die 32-Takt-Komposition dann am 21. Juli 1969, als die NASA den Ohrwurm per Funk an Apollo 11 übermittelte. Beim Mondlandeflug, als die gesamte Menschheit vorm Fernseher hockte und live dabei war, als der erste Mensch einen Fuß auf den Moon setzte. Über 50 Jahre ist das jetzt her. Der Song wurde seitdem wenigstens 500-mal aufgenommen. Von den unterschiedlichsten Künstlern. Frankie Boy Sinatra ist vermutlich der Prominenteste von allen „Fly me to the moon“-Interpreten, nicht zuletzt, weil er den Song auch bei der Rückkehrsause für die Mondfahrer intonierte, live im Astrodome zu Houston.

Der Name Rocket ist Programm

Raketen stehen seitdem hoch im Kurs, so sie in friedlicher Mission unterwegs sind. Kein anderer menschgemachter Antrieb kann es mit ihnen aufnehmen. Nichts auf der Welt entwickelt auch nur annähernd so viel Schub und ist mit derart mächtigen Triebwerken gesegnet. So gesehen konnte es nur einen Modellnamen geben, als Triumph im Jahr 2004 den größten Serienmotor seiner Zeit an den Start brachte: den 2,3-Liter-Dreizylinder der Rocket III. Ein 200-Nm-Drehmomentmonster, das alle anderen Serienbikes in den Schatten stellte.
15 Jahre nach dem Erstaufschlag – und rund zwei nach dem Abgasnorm bedingten Ende der ersten Generation – erwecken die Briten ihr Superlativ-Bike wieder zum Leben: Die neue Rocket 3 ist seit dem Jahreswechsel 2019/2020 im Handel. Zwei Versionen hat die Mannschaft um Technikchef Stuart Wood auf die Räder gestellt: den Power-Roadster Rocket 3 R und den Power-Tourer Rocket 3 GT.

Auf dem Datenblatt stellen die beiden erneut alles in den Schatten, was es derzeit in Serie gibt: mächtige 221 Nm Drehmoment, fette 2,5 Liter Hubraum – mehr bietet keiner. Bei US-Herstellern wie Harley-Davidson oder Indian ist bei 1,9 Litern das Ende der ccm-Fahnenstange erreicht. BMW Motorrad schließt im Herbst 2020 mit seinem ersten Big-Boxer in die Hubraum-Champions-League auf. Aber auch der Motor des neuen Cruisers BMW R 18 wird „nur“ 1,8 Liter Hubraum haben. Alles Peanuts gegen die Rocket 3.

Power wie ein Achtzylinder-SUV

Auf der Straße setzt die britische Asphalt-Rakete diese Bestwerte absolut souverän um. Wie ein V8-SUV macht die Rocket 3 nie den Dicken, sondern spielt ihre Kraft unfassbar überlegen aus. Sie ist der Alu und Metall gewordene sanfte Riese. Mit allerbesten Manieren. Distinguiert wie ein blaublütiger Lord. Allerdings: Wer denkt, 221 Newtonmeter müssten einen in nie dagewesene Beschleunigungs-Sphären katapultieren, ist auf dem Holzweg. 317 Kilogramm Lebendgewicht wollen bei der vollgetankten Triumph Rocket 3 R bewegt werden, bei der GT sind es noch mal drei Kilo mehr. Das ist selbst für 167 britische Renngäule echt ein Pfund. Die Kraftentfaltung ist daher nicht so explosiv wie auf der 73 kg leichteren Ducati Diavel (159 PS, 129 Nm, ab 20.290,-- Euro), dem erklärten Hauptwettbewerber, sondern eher majestätisch wie in einem Bentley. Im falschen Gang kann man eigentlich nie sein, es sei denn, man will sich permanent in Schlagdistanz des roten Bereichs bewegen, also bei 7.000 Touren. Aber das kann man sich hier schenken. Auf der Rocket sitzt der Gentleman Rider. Der Connaisseur unter den Mopedisten. Jemand, der Spaß an dramatischem Bums im Drehzahlkeller hat. Der die scheinbar uneingeschränkte Leistung aber nicht in jeder Kurve rauskitzeln will oder gar muss, um seinen Fahrspaß zu haben.

Zwei völlig verschiedene Erlebniswelten

Die Knieschleifer-Fraktion wird der Schräglagenwinkel von „nur“ 42 Grad auf dem Papier kaum begeistern. Dabei fallen couragierte Kurventänzchen durchaus ins Repertoire der Rocket 3. Auf den fantastischen Pisten im Hochland von Teneriffa haben die klappbaren Fußrasten bei den ersten offiziellen Testfahrten ein munteres Liedchen gescratcht. Straßenlage und Handling der Rocket 3 sind schlicht famos. Genau wie die Abstimmung der Bikes: Lediglich Lenker, Fußrastenposition und Sitzhöhe sind anders bei R & GT, dennoch hat man das Gefühl, auf zwei völlig unterschiedlichen Motorrädern zu sitzen. Weiß der Henker, wie die das mit so wenig Aufwand hinbekommen haben...
Downloads & Produkte zum Thema
Vor allem die Rocket 3 GT ist ein perfekter Gleiter. Die Beine sind nach vorn gestreckt, der Lenker kommt einem lässig entgegen, die breite, komfortable Sitzbank scheint für mindestens 1.500 Kilometer am Stück ausgelegt zu sein. Dafür müsste der flache, ausladende Tank allerdings 105 statt „nur“ 18 Liter fassen. Triumph gibt den Verbrauch mit 6,82 l/100 km an. Beim Aufstieg zum Vulkan Teide – Spaniens höchster Berg – hat die Rocket-3-Testflotte 7,35 bis 7,8 Liter inhaliert. Für ein Bike dieser Größe und Leistungsklasse ein durchaus vertretbarer Wert. Wobei andere Tourer deutlich weiter kommen mit einer Tankfüllung.

Performance-Künstler allererster Güte

Sei’s drum. Dafür schiebt die Rocket 3 schon ab knapp über 2.000 Touren los, als wolle sie rauf zum Mond. Bis 5.000 Touren bleibt der mächtige Dreizylinder nahezu auf dem gleichen Drehmomentplateau. Ein Performance-Künstler allererster Güte. Mit dumpfem, bassigem, potentem Sound. Und mit einer phänomenalen, absolut neutralen Straßenlage. Die mehr als sechs Zentner fallen beim Fahren nie unangenehm ins Gewicht. Im Gegenteil: Sie verleihen dem Drehmoment-Dampfer eine herrliche Gelassenheit. Nur wenn der Asphalt allzu angenagt ist, schüttelt es einen kurz durch. Alles andere bügelt das einstellbare Showa-Fahrwerk mit der Grandezza eines Tragflächenboots glatt. Zusätzliche Laufruhe bewirkt der monströse 240er-Avon-Schlappen auf dem 16-Zoll-Hinterrad. Im Stand erlaubt die moderate Sitzhöhe von 773 mm (Rocket 3 R) bzw. 750 mm (GT) sicheres Rangieren. An Steigungen assistiert bei Bedarf die serienmäßige Berganfahrhilfe: Handbremse einmal kurz durchziehen, dann verhindert die Elektronik das unbeabsichtigte Zurückrollen der Fuhre. Sehr praktisch.

Der Motor macht fast ein Drittel des Fahrgewichts aus

Fast ein Drittel ihres Gewichts (vollgetankt) verdankt die Rocket 3 dem bildschönen Motor. Clean und ästhetisch wie ein jungfräulicher Schiffsdiesel dient der 112,6 (!) kg schwere Dreizylinder als tragendes Teil des Fahrwerks. Das Design des Aluminiumrahmens steuert bei der neuen Rocky einen guten Teil zur Gewichtseinsparung von mehr als 40 kg bei. Das macht die Neuauflage gegenüber dem Vorgängermodell um mehr als 15 Prozent leichter – und steigert das Drehmomentverhältnis. Kurven-ABS, Kurven-Traktionskontrolle, Hochleistungsbremse – elektronisch hat die neue Triumph Rocket 3 alles an Bord, was geht. Vier Fahrmodi stehen zur Wahl: Rain, Road, Sport und Individual. Die Abstimmungsunterschiede sind deutlich spürbar, z. B. bei der Gasannahme. Auf nasser Fahrbahn nimmt sich die Rocket 3 im Regenmodus deutlich zurück. Im ersten Gang hat das Team um Cheftechniker Stuart Wood die Leistung elektronisch auf 200 Nm begrenzt. Und das Anfahrmoment gezähmt. Wheelies und Burnouts passen nicht zum elitären Auftreten der Rocket 3.

Die Brembo-Stylema®-Bremssättel sind in Kombination mit dem elektronischen Continental-Superhirn (IMU) jederzeit Herr der Lage. Je nach Tempo und Schräglage verteilt das System die Bremskraft beim Ziehen der Vorderradbremse dosiert und automatisch auch ans Hinterrad. „Wir wollen es dem Fahrer so einfach wie möglich machen“, sagt Stuart Wood. Und so sicher, wie es geht.

Exzellentes Finish, coole Details

Als begnadete Poser dürfen beide Rockets gelten. Die drei kunstvoll von Hand gebogenen Auspuffrohre sind ein grandioser Hingucker – und der Gluteus Maximus des Motorenbaus. Hand aufs Herz: Muskulöser kann ein Motorblock nicht aussehen. Ein absoluter Eyecatcher. Gebürstete Rippen, mattierte und polierte Flächen, viel Aluminium drum herum. Das ist schon ganz großes Kino, was Triumph hier präsentiert. Das gesamte Finish der beiden Rockets ist exzellent – angefangen bei den lässig „versteckten“ Soziusfußrasten, die sich nahtlos an den Rahmen schmiegen, über das breite Tankband aus gebürstetem Edelstahl und die seidenmatten Deckel für Tank und Ölbehälter bis hin zu den Kotflügelhalterungen, die aussehen wie Alu, aber aus Gewichtsgründen aus Kunststoff sind. Sämtliche Kabel sind versteckt verlegt. Nichts, aber auch rein gar nichts stört die opu-lente Optik.
Rundum-LED-Beleuchtung und Tempomat gibt es serienmäßig. Das auffällige Tagfahrlicht macht die Doppel-Frontscheinwerfer unverwechselbar. Optional kann per Bluetooth-Modul das Smartphone gekoppelt werden. Dann navigiert die MyTriumph-App mit Google Maps. Die Routenführung erfolgt wie bei der Triumph Scrambler 1200 und der neuen Street Triple RS reduziert per Pfeilnavigation. Intelligente Sprachsteuerung wie bei Autos gibt es leider noch nicht. Sonst könnte man dem Navi zuraunen: Fly me to the moon.

Fazit: Die Rocket 3 ist die Macht auf zwei Rädern. Das perfekte Motorrad für alle, die schon jede Menge Kilometer auf dem persönlichen Tacho haben. Und die es sich leisten können, mehr als 20.000,-- Euro lockerzumachen. Vergleichbar exklusiv als Serienmaschine sind bestenfalls noch die Ducati Diavel und die voraussichtlich im Herbst 2020 startende BMW R 18.
Bewertung abgeben
Deine Meinung zählt
Triumph Rocket 3 R - Baujahr: 2021
Deine Bewertung
Preis-/Leistungsverhältnis
Jetzt mitreden – deine Meinung zählt!
Schon dabei? und mitdiskutieren!
WYSIWYG-Editor, text_commentForm_67f15e85b6caf
Ihr Kommentar wird abgespeichert...