Test-Telegramm – Harley-Davidson Sport Glide

Leistungsmäßig ist die Sport Glide das Einstiegsbike von Harley-Davidson. Optisch gehört sie dafür zu den Großen. Und zaubern kann sie auch.
Test-Telegramm – Harley-Davidson Sport Glide
Test-Telegramm – Harley-Davidson Sport Glide Da kommt er: Der Sound ist Harley-typisch sonor und präsent. Mit 93 dB(A) Standgeräusch und 75 dB(A) Fahrgeräusch ist die Sport Glide aber jederzeit sozialverträglich. Die leistungsreduzierte A2-Variante gleitet mit 72 dB(A) vorbei.
7 Bilder
01.10.2023
| Lesezeit ca. 4 Min.
Alexander Klose
„Jeder Tag wie im Urlaub“ – so lautet das Werbeversprechen von Harley-Davidson für das 2-in-1-Bike Sport Glide. Zwei in eins? Oh ja, die Sport Glide – Harley-Davidsons Modell mit der geringsten PS-Zahl (83 bei 5.020 U/min) – ist ein Chamäleon. Zwei schnelle Klicks vorn, dann kann man die Frontverkleidung abnehmen. Deckel auf, einmal ziehen, einmal drehen, dann kann man die Seitenkoffer wegtragen. Und zack – schon steht die reisetaugliche Sport Glide nackt vor einem. Was dem Cruiser einen gänzlich anderen Charakter verleiht.

Das will sie

Anmachen, wie jeder Harley-Cruiser. Die Sport Glide ist ein Schmuckstück. Kecke, knapp geschnittene Lenkerverkleidung; baggertypische, sich zum Heck hin verjüngende Seitenkoffer; ofenrohrdicker 2-in-1-Auspuff; glanzgedrehte Doppelspeichen-Leichtmetallgussräder; tief ausgeschnittene Sitzbank; breiter Tank mit Zentraldisplay. Wer diese Harley-Davidson nicht wenigstens optisch ansprechend findet, hat kein Herz für Motorräder. Unser Testbike trug die aufpreispflichtige Farbe Atlas Silver Metallic (540,-- Euro). Ein absoluter Hingucker – edel und ausdrucksstark, perfekt harmonierend mit dem vielen Chrom und den unterschiedlichen Schwarztönen der Sport Glide. Alternativ gibt es die Basisfarbe Vivid Black sowie Vivid Black Deluxe (ebenfalls 540,-- Euro extra).

Das bietet sie

Großen Fahrspaß mit dem souveränen Bums des „Milwaukee-Eight 107“-Zweizylinders mit 1.745 cm³ Hubraum. Das maximale Drehmoment von 139 Nm liegt bereits bei 3.500 Touren an. Die nominal „nur“ 83 PS ermöglichen eine Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h – auf dem Papier zumindest. „In echt“ dürften selbst die hartgesottensten Fahrer unter der Sonne kein echtes Vergnügen an einem Vmax-Ritt haben. Zu heftig zerrt der Fahrtwind an Kopf und Brust. Wer flach abtaucht hinter der niedrigen Verkleidung, entkommt den wildesten Turbulenzen. Eine Herausforderung bleiben Fahrten mit hohen Geschwindigkeiten dennoch.
Die Bremsen machen ihre Sache ordentlich. Vorn bringt Harley-Davidson eine gelochte 300-mm-Scheibe mit Vierkolben-Festsattel zum Einsatz, hinten eine fast gleich große Scheibe (292 mm) mit Zweikolben-Festsattel. Gemessen an den 317 Kilogramm Leergewicht (fahrbereit) plus Rider, klingt das nicht gerade üppig dimensioniert, aber nackte Zahlen täuschen bekanntlich gern. Bis 50 km/h reicht die Hinterradbremse meist locker als Solo-Anker. Assistenzsysteme sind wie bei allen Harley-Cruisern nicht erhältlich; das obligatorische Antiblockiersystem muss reichen.

Das kann sie

Starten ohne Schlüssel (Keyless Ignition), elektronisch das Tempo halten (Cruise Control), die Restreichweite errechnen. Unbeschwerten Reisen steht somit nichts im Weg. Die abnehmbaren Koffer bieten ein Volumen von rund 50 Litern. Quer über das Soziuskissen passt bequem eine Gepäckrolle. Die reist dort vermutlich komfortabler mit als manch Beifahrer. Urteil meiner zarten Tochter: „Ui ui ui, das ist aber rutschig hier. Und die Knie sind so hoch.“ Nur mal so zur Einordnung: Die junge Dame misst 1,61 Meter und wiegt keine 53 kg. Mein Angebot, sie auch am nächsten Tag in die 15 km entfernte Schule zu fahren, lehnte sie dankend ab.
Der Fahrer sitzt dafür umso bequemer. Breit und bestens gepolstert ist sein Fauteuil, die Sitzhöhe beträgt gerade einmal 680 mm, der Radstand dafür amtliche 1.625 mm. Das Zentralfederbein mit hydraulisch von Hand einstellbarer Federbasis macht einen erstaunlich guten Job, gemessen an den „nur“ 86 mm Federweg. 209 kg darf man zuladen, das zulässige Gesamtgewicht beträgt 526 kg. Vorn verwaltet eine mächtige Upside-Down-Gabel mit 43 mm Gabelrohrdurchmesser und 130 mm Federweg Stöße und Asphaltnickeligkeiten.
Sehr stylisch präsentiert sich die serienmäßige LED-Beleuchtung: Die LED-Kombiblinker am Heck der Sport Glide schmücken sich jetzt – wie die Cruiser-Geschwister Softail Standard, Street Bob 114, Fat Bob 114, Breakout, Fat Boy 114 und Fat Boy Anniversary – mit einem homogenen Leuchtring für die Rücklicht- und Bremslichtfunktion. Der LED-Hauptscheinwerfer glänzt mit großartigem Fernlicht.

Das bleibt in Erinnerung

Die schnelle Verwandlung vom Reise-Cruiser zum Bling-Bling-Bike. Die Frontverkleidung ist ruckzuck entfernt und wieder montiert, die schmalen seitlichen Koffer sind mit wenigen Handgriffen an- und abgebaut. „Zwei in eins“ at its best. Die vorverlegten Fußrasten mögen grundsätzlich nicht jedermanns Sache sein. Aber nun: Wer diese Sitzposition nicht schätzt, wird sich eh nicht für einen Cruiser entscheiden. Und vermutlich erst nicht für einen aus den USA mit Eigenheiten wie separat platzierten Blinker-Armaturen. Links blinken links, rechts blinken rechts – was Harley-Novizen spanisch vorkommen mag, gab es früher auch bei BMW und anderen Marken. Ich persönlich muss sagen: Je öfter – und länger – ich Harley-Davidson fahre, desto mehr mag ich diese Blink-Philosophie. Erst recht, weil die Fahrtrichtungsanzeiger selbstrückstellend sind. Damit ist ihnen ein Platz in meinem Herzen ohnehin sicher.
Deine meinung zählt
Acht Zylinder, China-Charme, mindestens 450 kg – spricht euch so etwas an?

Fazit

Null Bock auf Cruiser? Selbst schuld. Die Sport Glide ist der beste Beweis, dass diese Fahrzeugspezies ihre weltweite Topstellung in der Käufergunst nicht umsonst innehat. Zum Herantasten an den Mythos Harley-Davidson taugt sie vermutlich besser als neue Harley-Modelle wie die vergleichsweise leichte Nightster (221 kg). Warum? Weil sie sich keine optischen Schwächen leistet, sondern mit jeder metallenen Faser „real american steel“ verkörpert. Für vergleichsweise moderates Geld, gemessen am Harley-Portfolio.
 Pro
  • drehmomentstarker Motor
  • authentischer Cruiser-Look
  • abnehmbare Verkleidung & Seitenkoffer
  • sparsamer Verbrauch
 Contra
  • geringer Soziuskomfort
  • mäßiger Windschutz
Bewertung abgeben
Deine Meinung zählt
Spidi Pathfinder
Deine Bewertung
Preis-/Leistungsverhältnis
Bewertung abgeben
Deine Meinung zählt
Harley-Davidson Sport Glide - Baujahr: 2021
Deine Bewertung
Preis-/Leistungsverhältnis
Jetzt mitreden – deine Meinung zählt!
Schon dabei? und mitdiskutieren!
WYSIWYG-Editor, text_commentForm_67ef0e67d1f69
Ihr Kommentar wird abgespeichert...