Bei solch einem brutalen Vortrieb kann es einmal heiß unter dem Helm werden. Das ist dann aber die einzige Hitze, die man spürt. Denn in puncto Kühlung und Wärmeabfuhr wurde vieles verbessert. Mit 7 % mehr Kühlleistung läuft zum einen der Motor kühler, was zur Leistungsgewinnung beiträgt, und zum anderen wird die Abwärme über neu designte Luftauslässe an den Seiten des Fahrers und vor allem seinen Beinen abgeleitet. Selbst bei laufendem Motor und Stehen an der Boxenausfahrt spürt man keinerlei Wärme vom Fahrzeug, auch wenn der Lüfter anspringt – klasse!
Gerade bei einem verkleidungslosen Motorrad rückt der Motor in den Fokus. Designtechnisch ist er ein absolutes Highlight, denn da der 1 kg leichtere Motor ein tragendes Element ist, wird er nicht durch eine Rahmenkonstruktion verdeckt, sondern liegt frei im Blick. Und hier steckt eben nicht nur brachiale Power drin, sondern auch ganz viel schicke Optik. Steht sie dann noch mit der cleanen Racinganlage mit den nach oben verlegten Endtöpfen (spart 6,6 kg und bringt bis zu 12 PS mehr Leistung), dann kommt erst recht zur Geltung, welch graziles Aggregat hier im Zentrum steht.
Direkt daran angeschlossen sticht die leichtere Doppelarmschwinge ins Auge. Sicher hatte die Einarmschwinge ein Alleinstellungsmerkmal, doch die aktuelle Reifentechnik, die Schräglagen über 60 Grad zulässt, hat die technische Machbarkeit an ihre Grenzen gebracht. Denn für ein gutes Feedback und Kontakt zum Asphalt braucht es Dämpfung. Bis zu einer gewissen Schräglage übernimmt dies natürlich das Fahrwerk, ab einem bestimmten Winkel aber, kann dieses jedoch nur noch wenig aufnehmen. Somit müssen Rahmen und Schwinge diese Aufgabe übernehmen. Mit der Zweiarmlösung konnte man die laterale Steifigkeit um 43 % reduzieren. Ebenso ist der um 950 Gramm leichtere Alu-Rahmen mit 40 % weniger Steifigkeit versehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass in der Beschleunigungsphase oder beim Bremsen Abstriche in puncto Stabilität gemacht werden müssen.
Ein weiterer Leckerbissen bei der S-Variante ist das elektronisch einstellbare Öhlins-Fahrwerk in der Softwareversion 3.0. Dieses gewährleistet optimalen Grip und ein großartiges Feedback. Dabei liefert Öhlins hier „nur“ die NIX30 43-mm-USD-Gabel und das TTX36-Federbein sowie die Basissoftware. Appliziert und herausgefahren wurde alles durch Ducati-Testfahrer, allen voran Alessandro Valia.
Im Vergleich zur Panigale V4 S sind die Elemente grundsätzlich etwas mehr auf Komfort ausgelegt. Insbesondere das Federbein wird über eine etwas progressivere Umlenkung angepasst, was nicht nur Komfort liefert, sondern auch mehr mechanischen Grip erzeugt, was wiederum mit den Pirelli-Slicks unfassbar gut harmoniert.
Und hier kommt dann auch die Elektronik ins Spiel. Wir haben alles an Bord, was Ducati so im Angebot hat. Insbesondere die Traktions-, Wheelie- und Slide-Control sind hier ein wahrer Glücksspender. Sie erlauben es, von Runde zu Runde an sein persönliches Maximum zu kommen und persönliche Grenzen zu verschieben.
Vier Fahrmodi (Race, Sport, Road, Wet), die individuell angepasst werden können, stehen zur Verfügung und regeln den Streetfighter gänzlich unauffällig ein. Bis auf den Wet-Modus, bei dem die Leistung auf 160 PS reguliert wird, steht immer die volle Power zur Verfügung. Lediglich die Leistungsentfaltung wird sanfter geregelt, bis hin zur direktesten Abgabe im Race-Modus. Gerade am Morgen bei kühlen Bedingungen war der Sportmodus mit etwas sanfter einsetzender Leistung optimal – wobei „sanft“ hier noch immer extrem nachdrücklich war! Mittags durfte sie dann im Race-Modus voll ran – irre!
Beim Verzögern unterstützen das Race-eCBS und die einstellbare Motorbremse hervorragend. Man kann nahezu bedenkenlos an die Bremse gehen und auch als ungeübter brutale Verzögerungen erzielen. Dabei bleibt das Bike immer stabil und fängt ein leichter werdendes Hinterrad durch die eCBS-Funktion perfekt wieder ein. So kann man hinten auch bedenkenlos mitbremsen und wird bei jedem Bremsvorgang noch mit dezent quietschendem Reifen verwöhnt – Gänsehaut! Wer will, kann im Race-Modus das ABS hinten auch komplett deaktivieren. Dass Ducati hier im Vergleich zur Panigale etwas weicher abgestimmte Bremsbeläge in den Hypure-Brembo-Sätteln verwendet, ist nicht wirklich spürbar. Geschaltet wird über den neuen Quickshifter 2.0, der in beide Richtungen präzise arbeitet und jeden Gang, egal bei welcher Drehzahl, butterweich wechselt.
Alle Modi und die jeweiligen Einstellungen lassen sich gut auf dem neuen 6,9-Zoll-Display im 8:3-Format ablesen. Zwar benötigt man kurz etwas Einarbeitungszeit, um alles zu finden und zu verstehen, doch schon nach kurzer Zeit ließ sich nahezu alles intuitiv einstellen. Zwar hat man auf der Rennstrecke oft recht wenig Zeit, um auf das Display zu achten, doch in den Momenten, in denen ich draufschaute, war alles einwandfrei ablesbar – selbst bei direkter Sonneneinstrahlung.
Die Darstellungen lassen sich in zwei Versionen (Track und Road) umstellen, wobei dann auch wieder individuelle Bereiche mit etwa G-Kraft, Schräglage oder Laptimer mit Sektionszeiten belegt werden können.
Egal, ob nahezu liegend auf dem Tank oder doch aufrechter in der Auslaufrunde, es treten keinerlei störende Windeinflüsse oder gar Wirbel auf. Die markante Streetfighter-Maske lenkt den Luftstrom perfekt um den Fahrer herum.
Unterm Strich bringt sie 189 kg fahrfertig (ohne Benzin) auf die Waage, was nochmals 4 kg weniger ist als beim Vorgängermodell. Hinzu kommt der tiefe Schwerpunkt und die um 2,9 kg leichteren Alu-Schmiedefelgen.
Unruhig müssen Anwohner an vielbefahrenen Motorradstrecken auch nicht werden. Zwar ist das Standgeräusch mit 105 dB(A) jenseits aller Tirol-Regeln, doch hält sich das Fahrgeräusch bei normaler Gangart vollkommen im Rahmen – mit angenehm bassigem Klang. Nutzt man allerdings das komplette Drehzahlband voll aus, wird man mit einem kernig-tiefen Sound belohnt.
Gerade für eine chillige Landpartie können am Streetfighter noch ein Tempomat, Turn-by-Turn-Navigation, ein Reifendrucksensor sowie USB-Ladebuchse zum 27.990,-- Euro teuren S-Modell oder dem 2.500,-- Euro günstigeren Standard-Modell dazu bestellt werden.
Und wenn ich mir noch etwas wünschen dürfte, dann wäre das ein Keyless-Go-System mit einem vorbereiteten Fach zur Ablage des Schlüssels bei einem Trackday. Dieser macht übrigens brutal viel Laune und zeigt, dass es nicht unbedingt eine Panigale braucht, um schnelle Runden drehen zu können.
Ja, ist sie! Ducati hat es geschafft, auf Basis eines Racebikes eine Naked hinzustellen, die keine Wünsche offenlässt. Die Elektronik macht es einem leicht, entspannt schnell zu fahren. Die Leistung sowie die Bremsen sind außergewöhnlich und machen süchtig. Das Ganze in einer bequemen Haltung, mit viel Kontakt zum Bike und glasklarer Rückmeldung. Optisch vielleicht nicht mehr ganz so aggressiv, dafür mit einer edlen Linienführung und einem wunderschönen Motor als zentralem Blickfang. Dafür muss man allerdings auch gut 28.000,-- Euro anlegen.