Wie gut vertragen sich 200 Kompressor-PS mit radarbasierten Fahrassistenzsystemen? Kawasaki will’s wissen und komponiert einen Sporttourer der Extraklasse, die Ninja H2 SX SE.
Radarbasierte Assistenzsysteme gehören gemeinhin in die Schublade mit der Kennzeichnung „Fahrkomfort/Bequemlichkeit“, denn schließlich verfügt jeder einigermaßen erfahrene Motorradfahrer über einen eingebauten Tempomaten und die Möglichkeit, vor dem Spurwechsel den Kopf zur Seite zu drehen. Und eine Motorleistung von 200 PS fällt eindeutig in die Schublade mit der Kennzeichnung „Go!“. Prallen also bei der Kawasaki H2 SX SE zwei Welten innerhalb eines
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einzigen Modells aufeinander? Denn diese Kawasaki ist das einzige Motorrad weltweit, in das diese beiden Schubladen zugleich eingebaut worden sind. Passt das zusammen oder weiß der Fahrer nie, in welcher Welt er gerade unterwegs ist? Probefahrt.
Der Kompressor macht den Unterschied
Aus einem Liter Hubraum generiert der Vierzylinder in seiner gebräuchlichsten Version volle 200 PS/147 kW bei 11.000 U/min. Das maximale Drehmoment gibt Kawasaki mit 137 Nm bei 8.500 U/min an Die Besonderheit der Ninja H2 ist ihr Kompressormotor; aus einem Liter Hubraum generiert der Vierzylinder in seiner gebräuchlichsten Version volle 200 PS/147 kW bei 11.000 U/min. Das maximale Drehmoment gibt Kawasaki mit 137 Nm bei 8.500 U/min an. Der Reifegrad des Hightech-Kompaktpakets ist beeindruckend: Das Triebwerk beherrscht die gesamte Spielart von „lammfromm“ bis „fuchsteufelswild“. Auf unserer Erkundungstour durch Teile des Taunus bummelten wir im 6. Gang mit nur 40 km/h vollkommen unauffällig durch manche Dörfer, um am Ortsende-Schild binnen weniger hundert Meter – ohne zu schalten – bis zum tiefroten Tempobereich zu beschleunigen. Kraft in jeder Lebens- und Drehzahllage charakterisiert diesen Motor, dazu eine feine Laufkultur und eine wunderbare Drehwilligkeit. Die kann man auf öffentlichen Landstraßen guten Gewissens allerdings nicht ausnutzen. Denn schon bei 8.500/min, wenn das maximale Drehmoment anliegt, zeigt der Tacho schon mehr als 100 km/h. Zutiefst beeindruckend ist, wie perfekt es den Kawasaki-Technikern gelungen ist, diese unbändige Kraft fahrbar gemacht zu haben.
Das Geschehen verdichtet sich
Viele, aber gut zu merkende Taster links am Lenker Stärker als fast alle anderen Motorräder fühlt sich die Ninja H2 SX SE als MOTOR-rad an; das Vierzylinder-Kompressortriebwerk dominiert das Geschehen. Allerdings eben nicht so, dass man als Fahrer das Gefühl hat, man liefere sich aus. Grenzwertig wird das Geschehen allerdings tatsächlich dann, wenn der Kompressor „Feuer frei!“ gibt und man in den Bereich oberhalb des maximalen Drehmoments vorstößt. Was dann abläuft, will peu à peu erarbeitet werden. Und zwar deshalb, weil sich das Geschehen in einer Art und Weise verdichtet, dass einem tatsächlich schwindelig werden kann. Praktisches Beispiel: Die Strecke zwischen zwei Kurven verkürzt sich bei „Feuer frei!“ in dermaßen kurzer Zeit, dass Gasgeben, Gasschließen und Bremsbeginn oftmals innerhalb weniger Sekunden ablaufen müssen. Alle Faktoren kombinieren zu können, die es für „rundes“, aber eben schnelles Fahren braucht, setzt Erfahrung voraus.
Deutlicher Fortschritt gegenüber 2021
Doch wenden wir uns wieder vom Fahrer ab und dem Motorrad zu. Die Ninja H2 SX SE des Modelljahres 2021 wird von der Neuen klar in den Schatten gestellt. Denn trotz fast identischer Anmutung hat Kawasaki am 2022er-Modell stark gefeilt. So wurde die Bremsleistung der Hinterradbremse verstärkt, es gibt einen neuen LED-Scheinwerfer und das Bremslicht hat eine Zusatzfunktion erhalten: Es blinkt bei starker Verzögerung und warnt auf diese Weise nachfolgende Verkehrsteilnehmer. Die SE-Version ist die erste Kawa, die dieses Ausrüstungsdetail aufweist. Auch die Berganfahrhilfe „Vehicle Hold Assist“ (VHA) wird erstmals in ein Kawasaki-Modell installiert; sie funktioniert durch starken, kurzen Druck auf den Handbremshebel, aktiviert aber vernünftigerweise die hintere Bremse. Zusammen mit dem KIPASS-Zündschlüsselsystem und dem Reifendruck-Kontrollsystem sowie dem semiaktiv arbeitenden KECS mit Skyhook zur Stabilisierung des Fahrzeugniveaus hat man alle nur möglichen Register gezogen. Dass der Tankverschluss nicht in das schlüssellose Startsystem integriert wurde, begründet Kawasaki mit der Überlegung, dass bei Verlust des FOB – er hat jetzt einen Klappmechanismus zur Schonung der Tasche – ein Nachtanken unmöglich wäre.
SPIN ist ganz schön schlau
Neu an der 22er H2 SX SE ist auch das 6,5-Zoll-Display mit Smartphone-Einbindung. Kawasaki nennt das System SPIN; es verdaut Standard-Apps sowie Apps anderer Anbieter und spiegelt diese auf das Display, wenn der Fahrer das wünscht. So kann er mit seinem gewohnten Mediaplayer Musik hören oder auch eine spezielle Navigations-App verwenden. Um SPIN nutzen zu können, müssen eine Bluetooth- und eine WLAN-Verbindung gleichzeitig bestehen. Die Steuerung der Apps ist dann über die Taster am Lenker möglich.
Drei Systeme in einem
Absolut eigenständig ist die „Nase“ der Ninja H2 SX ausgefallen Als erste japanische Motorradmarke hat Kawasaki in der H2 SX SE ein radarbasiertes Assistenzsystem installiert, das man ARAS nennt („Advanced Rider Assistance System“). Es umfasst drei unterschiedliche Teilsysteme: Die adaptive Geschwindigkeitsregelung ACC sowie der Kollisionswarner FCW werden vom Frontradar mit Daten versorgt, der Totwinkelassistent BSD erhält seine Daten vom Heckradar. Letztes ist im Heck-Kotflügel untergebracht, das Frontradar wohnt fast unsichtbar unter dem Scheinwerfer. Alle drei Teilsysteme entstammen einer Kooperation mit Bosch; ihre untadelige Funktionsweise überrascht nicht. Angenehm ist, dass der Abstand für die Regelungseingriffe des ACC in drei Stufen gewählt werden kann; bei der Einstellung „Maximalabstand“ drängen bei dichterem Verkehr erfahrungsgemäß immer wieder Fahrzeuge in die Lücke vor dem Motorrad, was in der Folge zur Tempodrosselung führt. Der druckvolle Vierzylinder ist natürlich perfekt, um ohne zu schalten die Fahrtempi zu wechseln; hat der Fahrer der Cruise-Control beispielsweise 160 km/h als Zieltempo vorgegeben, beschleunigt die Ninja aus 100 km/h bei frei gewordener Fahrspur binnen weniger Sekunden wie von Zauberhand wieder auf das voreingestellte Soll-Tempo. Die Anzeige eines sich im toten Winkel befindlichen Fahrzeugs erfolgt mittels eines gelb leuchtenden Dreiecks im jeweiligen Rückspiegel; wer den Kopf nicht so gerne dreht, wird das System schätzen.
Großer Unterschied zwischen S22 und S23
Eine schöne Einarmschwinge ist eines der Merkmale der Hinja H2 SX SE Die Stylema-Monoblockzangen am Vorderrad stellen sich als „Gedicht“ heraus: Zusammen mit der Radialpumpe und den Stahlflex-Bremsleitungen vermitteln sie dem Fahrer ein optimales Feedback. Wie nicht anders zu erwarten, stellen sie eine „Zweifinger-Bremse“ dar, lassen sie doch mit geringem Kraftaufwand extreme Gewaltbremsungen zu. Das ABS, selbstverständlich dank IMU kurventauglich, regelt stets sauber an der Blockier- bzw. Haftungsgrenze. Eine zwar nur kleine, aber dennoch bedeutsame Änderung stellt die Umrüstung vom Bridgestone S22 auf den S23 dar; die Verbesserung der Handlichkeit und Zielgenauigkeit ist verblüffend. Dass die H2 SX in SE-Version tatsächlich 267 Kilogramm auf die Waage bringt, möchte man – einmal in Fahrt – nicht glauben! Ebenfalls nur eine Kleinigkeit stellt die Überarbeitung beider Sitzflächen durch Kawasaki dar; sie wurden seitlich geringfügig anders konturiert, um zugleich mehr Sitzkomfort und ein leichteres Erreichen des Bodens beim Anhalten zu ermöglichen.
Logisches Bordcomputermenü
Pfiffig gestaltet und dennoch gut ablesbar ist das TFT-Display im Cockpit Zum ausgesprochen guten Gefühl im 835 mm hoch positionierten Sattel gehört das sehr gut abgestimmte und sensibel reagierende Skyhook-Fahrwerkssystem auf semiaktiver Basis. Die Adaption an unterschiedliche Komfortansprüche gelingt sehr gut. Wie auf jedem Motorrad, das in zahlreichen Details elektronisiert ist, muss man die Navigation im Bordcomputermenü erst mal geistig verarbeitet und abgespeichert haben, um ohne Umwege die gewünschte Einstellung zu finden. Das Menü macht es dem Fahrer nicht schwerer als nötig, ist es doch logisch aufgebaut und damit relativ leicht erlernbar. Die Oberfläche des TFT-Displays überzeugt: Die Grafik ist klar, die Schriftgröße vernünftig gewählt. Auf die Möglichkeit, unter verschiedenen Styles auswählen zu können, hat Kawa verzichtet. Das ist kein Verlust. Schon eher fragt man sich, warum es in diesem so umfangreich ausgestatteten Motorrad keine automatische Blinkerrückstellung gibt; auch würde eine bei Dunkelheit aktive Hinterleuchtung der Lenkerschalter gut zum luxuriösen Ausstattungscharakter der H2 SX SE passen.
Ungenutzten Raum gibt es nicht
Aus einem Guss präsentiert sich die Kawasaki Ninja H2 SX SE in der Seitenansicht. Die Koffer kosten extra oder man wählt die Tourer-Version Dass Kawasaki das gesamte beschriebene Hightech-Paket im kompakten Maßanzug eines Sporttourers unterzubringen vermochte, ist ein entwicklungstechnologisches Kunststück; viel ungenutzten Raum gibt es nicht zwischen den beiden Rädern der H2 SX SE. 28.195 Euro weist die 2023-Preisliste als Kaufpreis für das 2022er-Modell inkl. der Nebenkosten aus; will man – angesichts der sehr guten Nutzungsmöglichkeit als Sporttourer sinnvoll erscheint – auch noch Seitenkoffer samt Innentaschen, sind weitere 690 Euro fällig oder man wählt gleich die Tourer-Ausstattungsvariante für 29.095 Euro.
Gelungene Kombination der zwei Welten
Der Hinweis auf das zentrale Ausstattungselement des Kompressors ist dezent ausgefallen Um zum Schluss die Eingangsfrage nach der Vereinbarkeit von radarbasierten Assistenzsystemen und der immensen Motorleistung zu beantworten: Aus seiner subjektiven Sicht sieht der Autor keinerlei Widerspruch zwischen dem einerseits bequemlichkeitsorientierten und andererseits besonders fahraktiven Blickwinkel. Die Kawasaki H2 SX SE deckt aufgrund ihrer weiten Eigenschaftsspreizung beide Aspekte gleichermaßen gut ab, weshalb es große Freude macht, die sportlich-dynamische Fortbewegung durch die souverän-entspannte Art des Reisens zu ergänzen, zu der die radarbasierten Helferlein auf angenehme, keineswegs bevormundende Art beitragen.
Es werde Licht – Kawasaki „Ninja H2 SX“ 2023 mit neuer Lichttechnik
Nicht ganz glücklich sind die Kawasaki-Händler über das Timing des Herstellers, bereits ein Jahr nach der Überarbeitung ein weiteres, für den gesamten Motorradmarkt neuartiges Assistenzsystem einzuführen. Denn die Ninja H2 SX wird ab 2023 mit automatischem Fern-/Abblendlicht – Auto High Beam (AHB) – ausgestattet. Über einen Kamerasensor wird die Leuchtkraft von anderen Fahrzeugen, der Straßenbeleuchtung oder anderen Lichtquellen gemessen und das LED-Fernlicht automatisch aus- oder eingeschaltet.
Preise und Farben für die Ninja H2 SX und die Ninja H2 SX SE
Ninja H2 SX (Modell 2023) in Metallic Diablo Black
UVP ab Werk: 25.795,-- Euro, inkl. Überführung: 26.245,-- Euro
Ninja H2 SX SE (Modell 2023) in Emerald Blazed Green/Metallic Diablo Black/Metallic Graphite Gray
UVP ab Werk: 28.995,-- Euro, inkl. Überführung: 29.445,-- Euro.