Hingucker und Kopfverdreher – Fahrbericht: Can-Am Spyder F3-S

Wem ein Cabrio zu gediegen und ein Motorrad zu gefährlich ist, findet mit einem Dreirad einen Mittelweg. Der ist durchaus sportlich und schweißtreibend.
Hingucker und Kopfverdreher – Fahrbericht: Can-Am Spyder F3-S
Hingucker und Kopfverdreher – Fahrbericht: Can-Am Spyder F3-S Während der Ryker von einem 82 PS starken Dreizylinder-Reihenmotor mit 900 ccm angetrieben wird, verfügen die beiden Spyder-Modelle über einen Dreizylinder mit 1330 Kubik Hubraum, der für 115 PS gut ist
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19.06.2024
| Lesezeit ca. 4 Min.
Thilo Kozik/SP-X
BRP
Dreiräder sind in unserer von Vier- und Zweirädern dominierten Verkehrswelt immer noch etwas Exotisches. Aus der Vielzahl dreirädriger Vehikel ragen die Modelle von Can-Am zum einen wegen ihrer extrovertierten Aufmachung mit zwei Vorderrädern, zum anderen wegen der damit verbundenen ungewöhnlichen Fahrdynamik heraus. Ein großes Hallo gibt es, wenn diese seltene Spezies geballt auftritt wie bei der Großglockner Challenge, dem jährlichen Come Together der europäischen Can-Am-Familie: Gleich 239 der raren Vehikel sorgen bei der Anfahrt zu Österreichs berühmtester Alpenstraße für offene Augen und Münder am Straßenrand. Die Dreiradfamilie von Can-Am umfasst drei Modelle: Das Einstiegsmodell Ryker ab 11.000 Euro, den Roadster Spyder F3 ab 26.300 Euro und den Top-Tourer Spyder RT, der ab 34.000 Euro zu haben ist. Das Interessante an allen Dreien: Sie bieten ein Frischluft-Fahrerlebnis irgendwo zwischen Motorrad und Cabrio, sind aber alle mit dem Pkw-Führerschein fahrbar, sofern 21 Lebensjahre zusammengekommen sind.

Drei Modelle, zwei Motoren

Während der Ryker von einem 82 PS starken Dreizylinder-Reihenmotor mit 900 ccm angetrieben wird, verfügen die beiden Spyder-Modelle über einen Dreizylinder mit 1330 Kubik Hubraum, der für 115 PS gut ist. Bei Can-Am handelt es sich um eine Untermarke des kanadischen Offroad-Spezialisten Bombardier Recreational Products (BRP), zu dem ebenfalls der österreichische Motorenproduzent Rotax in Gunskirchen gehört, der die Antriebe zuliefert.

Unverwechselbarer Kopfverdreher

Grundsätzlich drehen sich die Köpfe nach allen Can-Am-Dreirädern um, doch der Spyder F3-S sticht mit rotem Rahmen und gefrästen 10-Speichen-Felgen nochmals hervor. Seine kraftstrotzende Attitüde kulminiert im mächtigen Kühler und der LED-Scheinwerferbatterie unterm Lenker, der zwei weitere LEDs an der Seite und auf den Radabdeckungen angebrachte LED-Blinker assistieren. Von vorn bietet der F3-S eine unverwechselbare Silhouette, doch auch in der Seitenansicht ergibt sich eine selten erblickte Perspektive mit klarem Massezentrum vorn.

Drei Fahrmodi, sechs Gänge und Schaltwippen

Dahinter sitzt der Pilot in einer tiefen Kuhle und genießt die gute Lendenunterstützung hinter dem ausladenden Vorbau. Unterschiedliche Staturen tragen fünffach verstellbare Fußrasten und ein verstellbarer Lenker Rechnung. So hat man immer die Lenkerenden fest im Griff, die Füße ruhen auf mächtigen Rasten. Zum Starten des Triebwerks ist eine sicherheitsorientierte Prozedur zu durchlaufen, mit mehrfachem Bestätigen und Lösen der Feststellbremse, dann geht der Dreirad-Spaß los. Wie beim Motorrad kommandiert der Gasgriff die Vehemenz des Vortriebs, eine Schaltwippe am linken Lenker sortiert die sechs Gänge des Doppelkupplungsgetriebes nahtlos. Drei übergeordnete Fahrmodi steuern das Ansprechverhalten, die Leistungsabgabe und den Eingriff der Assistenzsysteme, die auf dem Spyder ordentlich zu tun bekommen.

Assistenzsysteme – alles mit an Bord

Dazu gehören eine dynamische Lenkunterstützung, Traktionskontrolle, ein ABS und die Stabilitätskontrolle SCS, die ähnlich dem ESP beim Pkw für eine sichere Straßenlage sorgen und übereifrige Aktionen schnell und sicher einfangen. Das Fahren selbst gestaltet sich anders als bei einem Einspurfahrzeug oder einem Pkw. Die Kurvenfahrt verlangt nach ordentlich Zug am Lenker, dann flitzt der 428 Kilogramm schwere Spyder wie auf Schienen ums Eck. Je schneller die Fahrt und, desto enger die Kehren, desto tatkräftiger fällt die Mitarbeit aus – hier erinnert der Dreier an ein fahraktiv bewegtes Gokart.

Satt und vertrauenerweckend, auch bei höheren Geschwindigkeiten

Im Gegensatz zu diesen sorgen gefederte Radaufhängungen vorn und hinten aber für einen durchaus angenehmen Fahrkomfort. Dank hochwertiger Sachs-Federelemente verliert frostgeschädigtes Geläuf seinen Schrecken, auf Temposchwellen bewahren sie die Besatzung vor Bandscheibenschäden. Hier kann vor allem die Front überzeugen, während das Einzelrad am Heck trotz 13,2 Zentimeter Federweg eher straff agiert. So liegt der Kanadier selbst bei höheren Geschwindigkeiten satt und vertrauenerweckend auf dem Asphalt, und wird’s dann doch mal zu doll, fängt ein Tritt aufs Fußbremspedal die Fuhre wieder ein: Dieses betätigt alle drei Scheibenbremsen gleichzeitig, wobei sich die beiden Vierkolben-Festsattelzangen von Brembo an der Vorderachse besonders hervortun.

Navigation und Konnektivität auf dem neuen Touchscreen-Display

In weniger adrenalinfördernden Momenten gefällt der Blick auf das neue 10,25-Zoll-Touchscreen-Display, das über BRP Connect und die neue Einbindung von Apple CarPlay ein neues Bedienungs- und Anzeigeniveau inklusive Navigation erreichen soll – bei unserer Testfahrt war die Integration noch nicht vollständig abgeschlossen. So puristisch der Spyder F3-S auch daherkommt, zum Einkaufsbummel taugt das Gefährt dank des in der Schnauze untergebrachten Stauraums, der 24,4 Liter Fassungsvermögen aufweist. Wer sich dabei in der Parklücke vermanövriert hat, nutzt den eingebauten Rückwärtsgang.

Mehr Tourenkomfort mit den RT-Modellen

Wer mehr Tourenkomfort sucht, wird bei den großen Spyder RT-Modellen fündig. Bei gleicher Motorisierung kommen diese mit einem Gepäcksystem, einem Windschild und umfangreicherer Ausstattung. In Deutschland und Österreich können alle Can-Ams ab 21 Jahren mit dem Pkw-Führerschein (B) gefahren werden, sofern das Portemonnaie das benötigte Kleingeld hergibt – ganz günstig ist das unvergleichliche Fahrerlebnis mit dem extrovertierten Dreirad ja nicht.

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Can-Am Spyder F3-S - Baujahr: 2024
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Kommentare (5)
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SpeedFreak1970
02.07.2024 21:09


Das Exotische an diesen Dreirädern reizt mich schon, aber im Vergleich zum puren Motorradfahren bleibt sicherlich das Fahrgefühl auf der Strecke....
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Tübinger
30.06.2024 15:52


klasse, dass man für die teile keinen extra lappen braucht. macht's einfacher für leute wie mich, die auf was außergewöhnliches stehen aber keinen bock auf den ganzen führerschein stress haben.
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AlpenKurve
24.06.2024 16:02


absoluter fan von der idee dreiräder mit pkw schein zu fahren, bietet neue möglichkeiten
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RockerMike
23.06.2024 19:10


Mich fasziniert ja die Idee, dass man mit nem Dreirad quasi die Mitte zwischen Cabrio und Motorrad findet. Allerdings bleibt bei mir die Frage, ob das Fahrgefühl wirklich an das eines echten Bikes herankommt oder ob es nicht doch zu sehr in Richtung Auto geht. Hab nämlich selber ne HD in der Garage und kann mir schwer vorstellen, dass so ein Can-Am an das Feeling herankommt.
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PeterPan85
20.06.2024 11:37


Interessant, wie stabil die Dreier bei hohen Geschwindigkeiten liegen sollen. Wie ist denn das Wendeverhalten im Vergleich zu einem normalen Motorrad?