Von Zeit zu Zeit ist es interessant zu beobachten, wie so manches Filetstück, nach dem sich auf den Motorradmessen alle die Finger lecken, von der zahlenden Kundschaft verschmäht wird. Stattdessen brechen andere, auf den ersten Blick unscheinbare Modelle, einen Zulassungsrekord nach dem anderen.
Dass die Yamaha Ténéré 700 ein durchschlagender Erfolg werden würde, hätte hingegen allenfalls das lange Warten auf ihre immer wieder aufgeschobene Premiere gefährden können. Schließlich ist schon die MT-07, deren vielgelobter CP2-Motor auch die Ténéré antreibt, Yamahas meistverkauftes Modell. Im Jahr 2020 war sie stets in den Top 3 der Zulassungsstatistik zu finden. Dass die Ténéré auf Platz acht kletterte, wundert daher nicht. Möglicherweise aber der Blick aufs Preisschild. Obwohl sie neben dem Antrieb gleichermaßen auf einem Stahlrahmen aufbauen, auf elektronische Assistenzsysteme, Prunk und Protz verzichten, trennen beide Modelle satte 3.000 Euro. Wo steckt also das ganze Geld? Die Antwort lautet: im Fahrwerk. Ob es sich gelohnt hat, dass Yamaha den Entwicklungsingenieuren so viel zusätzliches Budget für hochwertige Federelemente zur Verfügung stellte, muss die Ténéré in unserem Test unter Beweis stellen.
Yamaha Ténéré 700 – Im besten Sinne bodenständig
Bereits bei der Sitzprobe springt der Sympathiefunke über. Endlich ein Motorrad, das nicht völlig überladen wirkt und dennoch alles an Bord hat, was man zum Fahren braucht. Auf ein Farbdisplay verzichtet das rechteckige Cockpit im Hochkantformat. Die für das Fahren notwendigen Informationen bereitet die Ténéré mit monochromen LCD-Ziffern auf. Zu einer großen Geschwindigkeits- und einer gut sichtbaren Tankanzeige gesellt sich im rechten oberen Eck der eingelegte Gang. Verzichten könnte ich auf den digitalen Drehzahlmesser. Schon die Charakteristik des Motors macht ihn überflüssig, schlecht ablesbar ist er obendrein. Flankiert wird das Display beiderseits von klassischen Kontrollleuchten, wie man sie schon vor dreißig Jahren von jedem japanischen Motorrad kannte. Das Gleiche gilt, im positiven Sinne, für die Armaturen am Lenker. Aufgeräumt und übersichtlich sitzt jeder Schalter dort, wo man ihn erwartet. Leicht lässt sich die Ténéré 700 vom extralangen Seitenständer heben, der die beachtlichen 24 Zentimeter Bodenfreiheit zu überbrücken hat. Gleich danach scheint das Gewicht des Fahrers in den langen Federwegen von Gabel und Zentralfederbein zu verpuffen. 210 Millimeter sind es an der Front, 200 Millimeter am Heck. Sanft setzt sich das Fahrwerk, ohne dabei tief einzufedern.
Ausgestattet mit Explorer-Paket kostet die Yamaha Ténéré 700 derzeit 12.438,95 Euro. Ein echtes, mechanisches Zündschloss schaltet die Stromkreise scharf und der Zweizylinder nimmt spontan und erfreulich leise seinen Dienst auf. Von einer Ténéré wird sich definitiv kein Anwohner belästigt fühlen. 91 Dezibel Standgeräusch gibt der Motor des getesteten Euro-4-Modells von sich. Seinem gutmütigen Charakter sei Dank, könnte man ihn selbst einem Kind anvertrauen. Es ist beeindruckend, wie niedertourig er sich innerorts bewegen und wie linear und perfekt berechenbar sich seine Leistung dosieren lässt. Außerorts wird es im Sattel der Ténéré 700 dennoch nicht langweilig. Soll es zügig vorangehen, legt der Twin eine beachtliche Drehfreude an den Tag, so stehen bei 9.000 U/min 73 PS zur Verfügung. Für die fahrfertig 204 Kilogramm leichte Enduro ist das völlig ausreichend. Ein sauber schaltbares Getriebe steht dem Motor dabei zur Seite. Ohne Kraftaufwand gelingen die Gangwechsel. Auch die Leerlaufsuche ist kein Problem, solange man bereits vor der Ampel weit genug zurückgeschaltet hat. Im Stand den Weg vom sechsten hinunter in den ersten Gang anzutreten, erfordert Geduld und das Spiel mit dem leichtgängigen Kupplungshebel.
116 Seiten, u. a. mit folgenden Themen: Motorräder: Ducati Monster, Yamaha Ténéré, Harley-Davidson Neuheiten 2021, Indian FTR-Modellreihe, KTM 1290 Super Adventure S, Husqvarna 701 Enduro & 701 Supermoto, Triumph Speed Triple 1200 RS, Triumph Trident, BMW F 850 GS, KTM 125 Duke & 390 Duke, KTM 890 Duke, BMW K 1600
Reisen: Pays de la Loire: La Vendée; Engemehr Flusstäler in Schwaben: Lauter-, Lachert- und Donautal; Großglockner: Der höchste Pass Österreichs
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Der wirklich große Spaß auf Asphalt beginnt, sobald der Streckenverlauf nicht nur kurvig, sondern verwinkelt wird. Dann kann das hervorragende Fahrwerk zeigen, was es kann. Wunderbar leichtfüßig lässt sich die schmal bereifte Ténéré einlenken und kann dank 21 Zoll großem Vorderrad dennoch mit Stabilität punkten. Auch in tiefen Schräglagen und während zackiger Richtungswechsel. Auf kleinste Unebenheiten spricht die 43 Millimeter dicke Upside-down-Gabel dabei sensibel an. Mit der geballten Kompetenz aus vierzig Jahren Rallye-Sport-Erfahrung im Rücken entstammen Gabel und Federbein dieser Yamaha dem Offroadsport. Beide sind in Zug- und Druckstufe einstellbar.
Während ihrer Entwicklungsphase im Ténéré-700-World-Raid-Prototyp, den Yamaha monatelang um den Globus scheuchte, wurde das Setup des Serienmodells herausgefahren. Mit Erfolg. Damit die gelungene Abstimmung nicht unter der Beladung leidet, kann die Federvorspannung des hochklassigen Zentralfederbeins per Handrad nachjustiert werden. Sauber dosierbar und ausreichend kräftig gibt es auch an den Bremsen nichts auszusetzen. Zwei Bremsscheiben an der Front mit je 282 Millimetern Durchmesser und eine 245er-Scheibe am Heck bewahrt ein ABS vor dem Blockieren. Für den Offroad-Betrieb ist es abschaltbar. Als guter Kompromiss stellt sich die Bereifung mit Pirelli Scorpion Rally STR heraus.
Sauber dosierbar und ausreichend kräftig ist die vordere Doppelscheibenbremse. Erstaunlich griffig und mit berechenbarem Fahrverhalten bis in tiefe Schräglagen schlägt er sich angesichts seiner Offroad-Optik hervorragend auf Asphalt. Tourentauglich fällt die Sitzposition aus. Verhältnismäßig tief ist die Ténéré-Sitzbank ausgeformt, sodass die Hände entspannt und lastfrei zum schulterbreiten Lenker greifen. Der ist wiederum so hoch montiert, dass die Fahrerposition nicht nur sitzend, sondern auch auf den Fußrasten stehend passt. Die schmale Taille der Yamaha und der niedrige Sitz sind dabei den Knien des Fahrers nie im Weg. Selbst die Form des Tanks folgt einzig und allein der perfekten Funktion. So lassen sich selbst Marathon-Etappen komfortabel meistern. Mit einem Kraftstoffvorrat von 16 Litern sind die problemlos möglich, denn der Zweizylinder begnügt sich in unserem Test mit 4,2 Litern auf 100 Kilometern. Nur allzu schnell sollte man dabei nicht unterwegs sein. Nicht, dass es an der Spurstabilität der Ténéré 700 scheitern würde. Selbst bei Höchstgeschwindigkeit zieht die Yamaha gelassen ihre Bahn. 205 km/h zeigt der optimistische Tacho dann an. Ihre steile Front mit dem kleinen Windschild sorgt oberhalb von 120 km/h aber für kräftige Turbulenzen an Schultern und Helm. Auch mit der Sparsamkeit ist es dann vorbei: Über sechs Liter pro einhundert Kilometer zu verbrennen, ist bei erhöhter Durchschnittsgeschwindigkeit durchaus möglich.
Zentral platziert, ist der schwarze Balken der Tankanzeige unübersehbar. Im Gegensatz zum Drehzahlmesser lassen sich Tacho und Ganganzeige gut ablesen. Abseits befestigter Straßen spielt der Windschutz hingegen keine Rolle. Die Ténéré 700 ausschließlich auf Asphalt zu bewegen, wäre ohnehin Verschwendung. Zumindest sollten Vielfahrer ihr dann Reifen mit reinem Straßenprofil gönnen. Beim Test sind wir froh über die milde Stolle des Rally STR. Viel Grip baut die Ténéré mit den Pirellis auch auf losem Untergrund auf. Der einfach zu beherrschende Charakter der Yamaha kommt jetzt voll zum Tragen. Unabhängig von Gang und Drehzahl geht der CP2-Motor gutmütig ans Gas, erklimmt drehmomentstark kurze Anstiege und schießt bei Bedarf beherzt voran. Der dafür notwendige Schub lässt sich dabei perfekt über den Gasgriff dosieren. Selbst Offroad-Neulingen nimmt die stets gelassene Ténéré so die Angst vor dem Dreck. Für die Weltreise bietet sich die Yamaha also nahezu an. Da darf ein durchdachtes Gepäcksystem natürlich nicht fehlen. Unser Testmotorrad ist mit dem Explorer-Paket aus dem Yamaha-Zubehörprogramm ausgestattet. Für 2.064,95 Euro bekommt der Kunde nicht nur die beiden Aluminiumkoffer mit insgesamt 72 Litern Stauvolumen inklusive der robusten Rohrkonstruktion als Haltesatz. Auch ein Hauptständer, ein Motorschutz und Sturzbügel gehören zum Lieferumfang. Sie schützen Technik und Seitenverkleidungen vor größeren Blessuren, sollte die Ténéré umkippen.
Durch die Form des Rohrträgers stehen die schlanken Seitenkoffer weit vom Motorrad ab und die schmale Ténéré wird breiter als nötig. An den Deckeln der Koffer finden sich stabile Zurrpunkte zur Befestigung weiterer Gepäckstücke. Wer sie regelmäßig nutzt und zudem ausschließlich solo unterwegs ist, wird sicherlich den flachen Gepäckträger des Explorer-Kits auf dem Soziusplatz anbringen. Er sorgt für eine nahezu durchgehende Ladefläche und bietet weitere Möglichkeiten zur Befestigung der Spanngurte. Das großzügige Volumen der Aluminiumkoffer gefällt im Test. Ihr Format ist praxistauglich und über den nach oben öffnenden Deckel gut zugänglich. Zumindest, solange kein Gepäck auf ihnen verzurrt wurde. Dann ist an einen schnellen Zugriff nicht mehr zu denken. Der massive Verschluss lässt sich zudem nur per Schlüssel öffnen und schließen, was im Kurzstreckeneinsatz unnötig Zeit raubt. Dafür hielten die Koffer während unserer Testfahrten absolut dicht. Wer auf Netz und doppelten Boden setzen oder sie schneller beladen will, findet bei Yamaha zusätzlich wasserdichte Innentaschen. Zur hemdsärmeligen Optik der Ténéré passt das Explorer-Kit ausgezeichnet. Neben dem praktischen Nutzen bietet die stabile Rohrkonstruktion zusätzlichen Schutz bei ungeplantem Bodenkontakt. Der Hauptständer erleichtert zudem die Wartung.