Vor gut einem Jahr hat Aprilia die zweite Version seiner 660er-Baureihe vorgestellt, das Naked Bike Tuono. Es folgte der sehr gelungenen, mit vollständiger Fahrassistenzelektronik ausgestatteten RS mit Halbschalenverkleidung. Allerdings hat Aprilia bei der Tuono an der Elektronik gespart: Keine IMU und damit auch kein Kurven-ABS, kein Quickshifter. Wer Letzteren wollte, musste dieses Accessoire beim Händler ordern und auch einbauen lassen, was den anfänglichen Tuono-Preis von 10.550,-- Euro ordentlich in die Höhe trieb. Womit eine Tuono schnell in die Region der RS geriet (anfangs 10.700,-- Euro, später knapp 11.000,-- Euro, inzwischen 11.699,-- Euro). Kein Wunder, dass die Aprilia-Händler im Jahr 2021 mit der Nachfrage nach der Tuono nicht so recht glücklich waren. Jetzt hat Aprilia nachgebessert und der 95 PS starken Tuono eine umfänglicher ausgestattete „Factory“ zur Seite gestellt. Wir konnten auf dem Misano World Circuit in Misano Adriatico/Italien ein paar Runden drehen.
Mit Aprilias Factory-Versionen – im Programm sind sie für das Superbike RSV4 und die Hyper-Nakes Tuono 1100 V4 – ist es wie mit den S-Modellen von Ducati: In vielen Märkten, darunter auch Deutschland, konzentriert sich die Nachfrage der Kunden auf die höherwertige, aber auch teurere Ausführung. Frei nach dem Motto: „Wenn schon, denn schon!“ Die Entscheidung von Aprilia, der etwas stiefmütterlich behandelten Tuono 660 eine Factory-Version folgen zu lassen, könnte man mit etwas Fantasie auch als Eingeständnis und Korrektur einer vorherigen Fehlentscheidung interpretieren. Denn die 400,-- Euro Aufpreis – die aktuelle Tuono 660 steht inklusive Überführung mit 10.599,-- Euro in der Liste, die Factory mit 10.999,-- Euro – sind in der Relation äußerst moderat kalkuliert, wobei nur zwei Interpretationsmöglichkeiten gegeben sind: Entweder ist die Factory „zu billig“ (was objektiv und beim Blick auf den Wettbewerb sicher nicht der Fall ist) oder die Tuono 660 ist zu teuer.
Um das Fazit unserer Runden auf dem Racetrack vorwegzunehmen: Wenn Tuono 660, dann Factory! Für Otto Normalfahrer weniger wegen der nun voll einstellbaren Federelemente – vorne Kayaba, hinten Sachs – als vielmehr wegen der IMU und der damit verbundenen Einstell- und Regelmöglichkeiten sowie wegen des Quickshifters. Als Dreingabe gibt’s übrigens noch eine Gewichtsreduzierung von 2,4 Kilogramm sowie 2,5 Grad mehr Schräglagenfreiheit. Ersteres ist dem Einbau einer Lithium-Ionen-Batterie zu verdanken, das Zweite der Verwendung der RS-Fußrasten. Bezieht man jetzt noch die größeren Möglichkeiten zur individuellen Justierung der Fahrwerkskomponenten mit ein, dann ist jegliche Diskussion über 400 Euro zusätzlich obsolet.
Ein paar Runden auf der Rennstrecke decken auf, dass die Tuono 660 Factory unter sportlichen Gesichtspunkten ein ausgesprochen fein zu fahrendes Motorrad ist. Volles Durchladen mit Schaltpunkten am Begrenzer – wir reden von immerhin 11.500 U/min. – ist eine ebensolche Freude wie brutales Zusammenbremsen aus Tempi von über 200 km/h vor 70-km/h-Kurven. Die gegenüber der Tuono 660 unveränderte Radial-Doppelscheibenanlage von Brembo macht ihre Sache bestens, genau wie der DOHC-Twin ein Muster an Drehfreude ist. Wie sehr sich die sechsprozentige Reduzierung der Gesamtübersetzung auf der Landstraße auswirkt, lässt sich nur schätzen; auf dem Track zumindest war von einer Durchzugsschwäche des gegenüber der RS ja unveränderten 100-PS-Motors nichts zu bemerken. Allerdings: Hier ist man ja meistens in der oberen Drehzahlhälfte unterwegs. Wir vermuten allerdings, dass sich die Tuono 660 Factory auch auf der Landstraße ausgewogener gibt als die RS. Zur angenehm zu fahrenden Basis-Tuono dürfte hier kein großer Unterschied sein, wenn überhaupt.
Der nun serienmäßige Quickshifter mit Blipper-Funktion entspricht dem hohen technischen Niveau von Aprilia; wir waren schon damals bei der RS sehr angetan. Das galt jetzt erneut ebenfalls von der Serienbereifung mit Pirelli Supercorsa: Perfekt, wie sich dieser Pneu selbst im Racemodus von ausgesprochenen Könnern am Lenker „auf der letzten Rille“ bewegen lässt …
Bei der Bedienung des TFT-Displays und dem umfangreich bestückten Bordcomputer gibt es keine Unterschiede zur RS und zur Basis-Tuono. Es ist alles dran und drin, was zu einer Fahrassistenz-Vollausstattung gehört. Alle Modalitäten können individuell justiert werden.
Dem oben bereits gezogenen Fazit ist nur noch hinzuzufügen: Auch ergonomisch überzeugt die Tuono 660. Lenker, Sitz und Rasten passen, der Platz fürs „Turnen“ ist vollkommen ausreichend. Bei sonntäglichen Ausfahrten sollten sich Factory-Besitzer allerdings im Klaren sein, dass ihr Fahrzeug ein Standgeräusch von 96 dB(A) entwickelt. Diese durchaus sehr vernehmliche Geräuschentwicklung ist nicht jedes Nachbarn Sache. Ein weiterer Nachteil: Ein Sonntagsausflug nach Tirol ist angesichts dieses Wertes nicht angesagt. Auch wenn die Tuono Factory für einen flotten Trip übers Hahntennjoch oder durchs Namloser Tal wie gemacht erscheint …